Macht und Gewalt
Wenn man viele Bücher liest, dann erlebt man von Zeit zu Zeit einen jener Momente in denen man erstaunt und frustriert zugleich feststellt, dass sich seit Jahrzehnten nichts geändert hat.
Um in den Genuss eines solchen Erlebnisses zu gelangen, sei die Lektüre von Hannah Arendt, Macht und Gewalt (aktuell als Taschenbuch im Piper Verlag verfügbar) empfohlen.
Das Werk ist eine kritische Auseinandersetzung mit der 68′er Studentenbewegung insbesondere der damit verbundenen Gewalt (bzw. Macht). Für ein Buch, das im Jahre 1970 erschienen ist, enthält es erschreckend aktuelle Passagen (die uns zeigen, dass wir in den letzten 40 Jahren eigentlich nichts dazugelernt haben):
Unter diesen Umständen ist in der Tat das in den letzten Jahrzehnten ständig wachsende Ansehen der wissenschaftsgläubigen „brain trusters“, von denen die Regierungen sich beraten lassen, höchst beunruhigend. Gegen ihre Kaltblütigkeit, „das Undenkbare zu denken“, wäre kaum etwas einzuwenden, wenn man nur sicher sein könnte, dass sie überhaupt denken. Anstatt sich auf ein so altmodisches, von Computern nicht zu übernehmendes Geschäft wie das Denken einzulassen, rechnen sie mit Hilfe ihrer Maschinen die Konsequenzen gewisser hypothetisch angenommener Konstellationen aus, ein in Wissenschaften durchaus berechtigtes Verfahren, weil man nämlich aufgrund solcher Berechnungen die Hypothesen experimentell kontrollieren und verifizieren kann.
Im Original-Kontext bezieht sich Ahrendt mit ihrer Kritik der Untauglichkeit der Anwendung dieser Methoden im Kalten Krieg:
Dies ist in dem Kriegsspiel keineswegs der Fall; dies Rechnen kommt mit wirklichen Begebenheiten nie in Berührung. Der logische Fehler in diesen hypothetischen Konstruktionen möglicher zukünftiger Ereignisse ist immer der gleiche: Was zuerst – je nach dem intellektuellen Niveau mit oder ohne Berücksichtigung der implizit gegebenen Alternativen – als Hypothese erscheint, wird sehr schnell, oft nach wenigen Abschnitten, zur „Tatsache“, einem Datum, das dann eine ganze Serie ähnlicher Data gebiert, deren hypothetischer Charakter vergessen ist – und damit der rein spekulative Charakter des ganzen Unternehmens.
Interessanterweise skizziert Ahrendt bereits jene Art „Anmaßung von Wissen“, die Friedrich August von Hayek in seiner 1974 erschienenen Kritik des Sozialismus entlarvte. Weiter liest man im Text:
Natürlich ist das nicht Wissenschaft, sondern Pseudo-Wissenschaft, die darin besteht, „die oberflächlichen Merkmale der Wissenschaften, die an ihrer Stelle durchaus sinnvoll sind, nachzuahmen“.
Der Nobelpreisträger und Physiker Richard Feynman hat für diesen Kontext in einer Rede im Jahr 1974 den Begriff Cargo Cult Science geprägt. Ahrendt schreibt weiter:
Und der evidenteste und „tiefste Einwand gegen diese Sorte strategischer Theorien ist nicht ihr begrenzter Nutzen, sondern ihre Gefährlichkeit; denn sie führen dahin zu meinen, man verstehe Ereignisse und könne ihren Ablauf kontrollieren, die man weder versteht noch kontrolliert“, wie Richard N. Goodwin in einer Buchbesprechung [The New Yorker, 17. Februar 1968] kürzlich ausführte, die das seltene Verdienst hat, die „unbewusste Komik“ aufzudecken, die für so viele dieser prätentiösen, in wissenschaftlichen Jargon gekleideten Theorien charakteristisch ist“
Angesichts der großen Unsicherheiten hinsichtlich des wissenschaftlichen Verständnisses der Vorgänge in unserer Atmosphäre (insbesondere in Bezug auf die Prozesse rund um Wolken), stößt die folgende Passage die Prognosen der Klimawissenschaftler vom Sockel:
Ereignisse sind dadurch gekennzeichnet, dass sie automatische Prozesse oder zur Gewohnheit gewordene Verfahrensweisen unterbrechen; nur eine Welt, in der sich nichts ereignet, entspräche der Grundprämisse der Futurologen. Zukunftsprognosen projizieren gegenwärtige Prozesse und Verfahrensweisen; sie sagen voraus, was aller Wahrscheinlichkeit nach eintreten wird, wenn Menschen nicht handelnd eingreifen und wenn nichts Unerwartetes geschieht. Jede Handlung und jeder Zwischenfall zerstört mit einem Schlag alle Voraussetzungen , in deren Rahmen die Prognose erfolgt und ihre Indizien zusammenstellt. (Eine gelegentliche Bemerkung Proudhons, „die Fruchtbarkeit des Unerwarteten übersteigt bei weitem die Weisheit des Staatsmanns“, könnte man mit noch größerem Recht auf die Berechnungen der Experten Anwenden).
Eine Kritik, die auch zwei der renommiertesten Prognoseforscher der Welt, K.C. Green und J.S. Armstrong in ihrer Arbeit Global Warming: Forecasts by Scientists versus Scientific Forecasts vorbringen, „dass die Prognosen des IPCC nichts anderes sind, als Nebelgranaten rund um die persönliche Meinung der Autoren“.
Und es wird noch besser:
Solche unerwarteten, unvorhergesehenen und unvorhersagbaren Zwischenfälle als blose Zufälle oder die „letzten Zuckungen der Vergangenheit“ abzutun, bzw. sie in Engels’ „Rumpelkammer“ oder in Trotzkis berühmtem „Abfalleimer der Geschichte“ unterzubringen, ist der älteste Trick der zu Propheten gewordenen Historiker; zweifellos helfen solche Kunststücke dabei, in sich widerspruchslose Theorien aufzustellen, doch um den Preis, sie weiter und weiter von der Wirklichkeit zu entfernen. Als Projektionen tatsächlich beobachtbarer gegenwärtiger Prozesse haben sie immer eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich; gefährlich werden sie erst, wenn sie als in sich schlüssige Theorien auftreten, mit deren Hilfe man angeblich wissen kann, was „wirklich“ war, ist und sein wird. Dann tritt jene hypnotische Wirkung ein, derzufolge der von den Theoretikern ohnehin so verachtete gesunde Menschenverstand auch ganz untheoretisch veranlagte Menschen verläßt und mit ihm der Gemeinsinn oder common sense, dem wir es verdanken, daß wir Wirklichkeit und Tatsächlichkeit wahrnehmen, verstehen und uns handelnd in ihnen orientieren können.
Allein schon oben zitierte Absätze der ersten Seiten machen dieses Buch lesenswert. Das Thema „Macht und Gewalt“ ist angesichts der Legitimitätsansprüche in puncto Gewalt (zum Wohle der Menschheit) durch selbst ernannte Umweltschützer „brandaktuell“.

![Reblog this post [with Zemanta]](http://img.zemanta.com/reblog_e.png?x-id=8f4c6f00-7cf9-4a65-afea-5c5139d02bc9)




