Konsens, Leugner und Nobelpreisträger
Diese Tage wurde der Nobelpreis für “Physiologie oder Medizin” verliehen.
Aus wissenschaftstheoretischer Sicht interessant ist die Geschichte der Thesen des Laureats Harald zur Hausen:
Der im Jahre 1936 geborene Deutsche arbeitet am Deutschen Zentrum für Krebsforschung in Heidelberg und stelle im Jahr 1974 die verwegene These auf, dass humane Papilloma-Viren Cervix-Krebs (Gebärmutterhalskrebs) auslösen.
Dies stand in der damaligen Zeit völlig in Gegensatz zum etablierten “Konsens” der Wissenschaft, denn Krebs könne niemals von Viren ausgelöst werden. Heute würde Harald zur Hausen für seine Thesen als “Leugner” oder gar “Ketzer” abgestempelt werden.
Allerdings wurde dem “Ketzer” für seine Thesen im Jahr 2008 der Nobelpreis verliehen.
Die Geschichte erinnert beispielsweise an Alfred Wegener, der 1915 seine Theorie über “Die Entstehung der Kontinente und Ozeane” veröffentlichte und damit auch vom Konsens der Mainstream-Wissenschaft abgelehnt wurde. Über die Wissenschaftsgeschichte der Kontinentaldrift hat interessanterweise Naomi Oreskes ein Essay (.pdf) geschrieben, jene Wissenschaftlerin, die den berühmt/berüchtigten Essay über den Konsens der Globalen Erwärmung verfasst hat.
Diese beiden Fälle der Wissenschaftsgeschichte zeigen, dass ein so genannter Konsens jederzeit von einem einzigen Wissenschaftler zu Fall gebracht werden kann, und dass so ein Prozess üblicherweise mehrere Jahre dauert. Aber schließlich setzt sich doch die “richtige” Theorie durch.
Konsens ist ein Instrument, das in der politischen Theorie, im Vertragsrecht oder zur technischen Normung Sinn machen kann, in der Wissenschaft ist Konsens jedoch blanker Unsinn.
Eine dem Konsens verwandte Methode ist der so genannte Delphi-Prozess: Hierbei werden einer Gruppe von Experten nach einem vorgegebenen Verfahren Fragen- oder Thesenkataloge vorgelegt, über welche in mehreren Runden ein kontrollierter Meinungsbildungsprozess z.B. zur Prognostizierung auf Basis aller vorgelegten Daten und Fakten erfolgt. Diese Methode wurde Anfang der 1960er Jahre von der RAND-Corporation entwickelt. Heute wird diese Methode jedoch praktisch nicht mehr eingesetzt.
Konsens ist heutzutage ein primär politisches Konstrukt, das es in der Wissenschaft streng genommen nicht gibt, ein Konstrukt, das auch gar nicht gebraucht wird – das es wissenschaftstheoretisch betrachtet gar nicht geben darf: Denn wenn sich alle Wissenschaftler in trautem Konsens gegenseitig auf die Schultern klopfen, stagniert der Erkenntnisgewinn und der gesamte Wissenschaftsprozess kommt zum Erliegen. Diesen Zustand sollte man in der Wissenschaft auch tunlichst vermeiden, außer man will mit bestimmten Meinungen und Überzeugungen politischen Druck ausüben – dann hat man den Boden der Wissenschaft jedoch schon längst verlassen.




October 7th, 2008 at 08:41
Und die Freunde freuen sich den Wolf. Jetzt kann die PR für Gardasil richtig angeschmissen werden. Und bei Merck klingelt die Kasse…
Und zitiere ich den Nobelpreisträger selbst:
October 7th, 2008 at 08:43
Das soll übrigens nicht die Forschungsleistung schmälern. Nicht das ich hier falsch verstanden werde.
Aber das in sämtlichen Berichten die Impfung erwähnt wird, ist mir zuwider. 500€ pro Ampulle!!!
October 7th, 2008 at 08:57
@ Rainhelt
Es ehrt den Nobelpreisträger, dass er die Impfung durchaus kritisch sieht. Das Informationsblatt “Gute Pillen – Schlechte Pillen” sieht das ähnlich:
Wie viel Schutz bietet die HPV-Impfung vor Gebärmutterhalskrebs?
Neben dem Zweifelhaften Nutzen:
wird auch der überzogene Preis für die Impfungen kritisiert:
October 7th, 2008 at 09:02
Geadeltes Medikament
Der Nobelpreis an einen deutschen Krebsforscher ist eine gute Nachricht für die Pharmaindustrie. Eine bessere PR für die umsatzstärkste Arznei gibt es kaum…
October 7th, 2008 at 09:39
#1 Rainhelt
Aus Deinem Zitat:
Das ist in der Bekämpfung dieses Krebses schon fast ein Quantensprung. Bedeutet es doch, dass etwa 70% der Ursachen erfasst sind. Das ist viel Holz.
Beim Grippeschutz wäre man froh über eine derartige Quote.
October 7th, 2008 at 10:45
Ich persönlich bin von der Impfung auch nicht überzeugt.
Das Risiko-Nutzen-Verhältnis unter Berücksichtigung der Kosten erscheint mir persönlich fraglich.
Aber das ist auch bei der Grippe-Impfung so – wobei das nicht direkt vergleichen werden kann.
Die Pharma braucht kein extra PR, das machen die medien – erinnert euch an den Tamiflu-Wahn vor einigen Jahren…
October 7th, 2008 at 10:47
Glücklicherweise gibt es immer wieder solche Querdenker, denn ohne sie tritt am an Ort und Stelle, hier ein weiteres Beispiel: http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Frueher-verspottet-heute-ein-begehrter-Wissenschaftler/story/28612836
October 7th, 2008 at 11:16
@ghw:
Ja, genau. Das meine ich ja. Wie gesagt, nichts gegen zur Hausen ;)
October 7th, 2008 at 11:22
Ich hab in Absprache mit dem Autor den Satz mit dem Impfstoff rausgenommen – wir wollen ja keine Werbung für die kapitalistische Pharmaindustrie machen ;)
October 7th, 2008 at 16:01
@BRK
“Bedeutet es doch, dass etwa 70% der Ursachen erfasst sind. Das ist viel Holz.”
ist es nicht wirklich, da diese art von krebs, verglichen mit anderen krebsarten der weiblichen organe relativ selten vorkommt und überdies durch die seit jahrzehnte übliche papp-test auch gut erkennbar sind.
wesentlich gravierender ist bei frauen der gebärmutterkrebs, oder ovarialkrebs. dagegen hilft diese impfung jedoch nicht.
wenn man dann noch weiß, daß z. b. einwanderer in die usa ihre mädchen im alter ab 11 jahre gegen gebärmutterhalskrebs impfen lassen müssen, fängt man schon an das ganze zu hinterfragen.
http://gesundheit.blogger.de/
im übrigen ist auch an eine impfung für jungen im alter von 11 bis 17 gedacht, obwohl es dafür keinen medizinischen grund gibt.
October 7th, 2008 at 19:11
Es ist also wie immer; und (selbstständiges) „Denken lohnt sich… “ nach wie vor! ;-)
mfg
October 8th, 2008 at 11:20
Zum Konsens:
Es erwärmt sich also sowieso…
http://www.nzz.ch/nachrichten/forschung_und_technik/waehrend_6000_jahren_sinkende_temperaturen_im_norden_1.1058459.html