7.10.2008

Konsens, Leugner und Nobelpreisträger

» Hintergrundinformation, News, Personen » Autor: Hans G. Bronik — Drucken

Diese Tage wurde der Nobelpreis für “Physiologie oder Medizin” verliehen.

Aus wissenschaftstheoretischer Sicht interessant ist die Geschichte der Thesen des Laureats Harald zur Hausen:

Der im Jahre 1936 geborene Deutsche arbeitet am Deutschen Zentrum für Krebsforschung in Heidelberg und stelle im Jahr 1974 die verwegene These auf, dass humane Papilloma-Viren Cervix-Krebs (Gebärmutterhalskrebs) auslösen.

Dies stand in der damaligen Zeit völlig in Gegensatz zum etablierten “Konsens” der Wissenschaft, denn Krebs könne niemals von Viren ausgelöst werden. Heute würde Harald zur Hausen für seine Thesen als “Leugner” oder gar “Ketzer” abgestempelt werden.

Allerdings wurde dem “Ketzer” für seine Thesen im Jahr 2008 der Nobelpreis verliehen.

Die Geschichte erinnert beispielsweise an Alfred Wegener, der 1915 seine Theorie über “Die Entstehung der Kontinente und Ozeane” veröffentlichte und damit auch vom Konsens der Mainstream-Wissenschaft abgelehnt wurde. Über die Wissenschaftsgeschichte der Kontinentaldrift hat interessanterweise Naomi Oreskes ein Essay (.pdf) geschrieben, jene Wissenschaftlerin, die den berühmt/berüchtigten Essay über den Konsens der Globalen Erwärmung verfasst hat.

Diese beiden Fälle der Wissenschaftsgeschichte zeigen, dass ein so genannter Konsens jederzeit von einem einzigen Wissenschaftler zu Fall gebracht werden kann, und dass so ein Prozess üblicherweise mehrere Jahre dauert. Aber schließlich setzt sich doch die “richtige” Theorie durch.

Konsens ist ein Instrument, das in der politischen Theorie, im Vertragsrecht oder zur technischen Normung Sinn machen kann, in der Wissenschaft ist Konsens jedoch blanker Unsinn.

Eine dem Konsens verwandte Methode ist der so genannte Delphi-Prozess: Hierbei werden einer Gruppe von Experten nach einem vorgegebenen Verfahren Fragen- oder Thesenkataloge vorgelegt, über welche in mehreren Runden ein kontrollierter Meinungsbildungsprozess z.B. zur Prognostizierung auf Basis aller vorgelegten Daten und Fakten erfolgt. Diese Methode wurde Anfang der 1960er Jahre von der RAND-Corporation entwickelt. Heute wird diese Methode jedoch praktisch nicht mehr eingesetzt.

Konsens ist heutzutage ein primär politisches Konstrukt, das es in der Wissenschaft streng genommen nicht gibt, ein Konstrukt, das auch gar nicht gebraucht wird – das es wissenschaftstheoretisch betrachtet gar nicht geben darf: Denn wenn sich alle Wissenschaftler in trautem Konsens gegenseitig auf die Schultern klopfen, stagniert der Erkenntnisgewinn und der gesamte Wissenschaftsprozess kommt zum Erliegen. Diesen Zustand sollte man in der Wissenschaft auch tunlichst vermeiden, außer man will mit bestimmten Meinungen und Überzeugungen politischen Druck ausüben – dann hat man den Boden der Wissenschaft jedoch schon längst verlassen.

12 Antworten zu “Konsens, Leugner und Nobelpreisträger”

  1. Rainhelt Says:

    Und die Freunde freuen sich den Wolf. Jetzt kann die PR für Gardasil richtig angeschmissen werden. Und bei Merck klingelt die Kasse…

    Und zitiere ich den Nobelpreisträger selbst:

    Millionen junger Mädchen folgen dieser Empfehlung. Was viele von ihnen nicht wissen: Die Impfung bietet keinen vollständigen Schutz vor Gebärmutterhalskrebs. Etwa 30 Prozent der Infektionen mit Hochrisiko-Typen von Papillom-Viren kann sie nicht verhindern, so der Entdecker der HP-Viren, Professor Harald zur Hausen vom Deutschen Krebsforschungsinstitut Heidelberg. Und: Niemand weiß genau, wie lange der Impfschutz anhält. “Die Studien sind maximal vier Jahre gelaufen, was danach passiert, ob der Schutz noch weiter anhält, ob jeweils nachgeimpft werden muss, wissen wir nicht”, sagt Professor Heinz-Harald Abholz von der Universität Düsseldorf.

  2. Rainhelt Says:

    Das soll übrigens nicht die Forschungsleistung schmälern. Nicht das ich hier falsch verstanden werde.

    Aber das in sämtlichen Berichten die Impfung erwähnt wird, ist mir zuwider. 500€ pro Ampulle!!!

  3. Rainer Says:

    @ Rainhelt

    Es ehrt den Nobelpreisträger, dass er die Impfung durchaus kritisch sieht. Das Informationsblatt “Gute Pillen – Schlechte Pillen” sieht das ähnlich:

    Wie viel Schutz bietet die HPV-Impfung vor Gebärmutterhalskrebs?

    Neben dem Zweifelhaften Nutzen:

    Ein etwas genauerer Blick in die Ergebnisse der beiden großen Gardasil®-Studien lohnt sich also:
    Berücksichtigt man bei der Auswertung allein jene Zellveränderungen, die auf den im Impfstoff enthaltenen HPV-Typen beruhen, ergibt sich tatsächlich eine Wirksamkeit von nahezu 100%. Bei den geimpften Frauen wurden drei Jahre nach der Impfung keine Zellveränderungen durch diese HPV-Typen entdeckt. Dies alles gilt aber nur für die Frauen, die sich vor und während der Impfungen noch nicht mit einem der im Impfstoff enthaltenen HPV-Typen angesteckt hatten. Gegen mindestens 14 weitere gefährliche HPV-Typen schützt der Impfstoff überhaupt nicht.

    wird auch der überzogene Preis für die Impfungen kritisiert:

    Da der überzogene Hochpreis jetzt etabliert ist, werden weitere HPV-Impfstoffe (das Präparat Cervarix® von GlaxoSmithKline wird demnächst auf den Markt kommen) entsprechend teuer werden. Pro Jahr wird das Medikament die Kassen schätzungsweise eine halbe Milliarde Euro kosten. Dieses Geld wird in anderen Bereichen des Gesundheitswesens fehlen.

    Die Ständige Impfkommission beim Robert Koch-Institut (STIKO) hat es versäumt, den Preis der Impfung herunter zu handeln, bevor sie diese in den allgemeinen Impfkalender aufgenommen hat. Der Vorsitzende der STIKO wird sogar mit den Worten zitiert, Geld sei in Deutschland vorhanden.7 Diese Sicht mag auch dadurch beeinflusst sein, dass er 2006 – vier Monate vor Markteinführung des Impfstoffes – vom Gardasil®-Hersteller einen mit 10.000 € dotierten Preis erhalten hat „für sein besonderes Engagement zur Förderung des Impfgedankens“.

  4. Rainer Says:

    Geadeltes Medikament

    Der Nobelpreis an einen deutschen Krebsforscher ist eine gute Nachricht für die Pharmaindustrie. Eine bessere PR für die umsatzstärkste Arznei gibt es kaum…

  5. BRK Says:

    #1 Rainhelt

    Aus Deinem Zitat:

    Etwa 30 Prozent der Infektionen mit Hochrisiko-Typen von Papillom-Viren kann sie nicht verhindern,

    Das ist in der Bekämpfung dieses Krebses schon fast ein Quantensprung. Bedeutet es doch, dass etwa 70% der Ursachen erfasst sind. Das ist viel Holz.
    Beim Grippeschutz wäre man froh über eine derartige Quote.

  6. ghw Says:

    Ich persönlich bin von der Impfung auch nicht überzeugt.

    Das Risiko-Nutzen-Verhältnis unter Berücksichtigung der Kosten erscheint mir persönlich fraglich.

    Aber das ist auch bei der Grippe-Impfung so – wobei das nicht direkt vergleichen werden kann.

    Die Pharma braucht kein extra PR, das machen die medien – erinnert euch an den Tamiflu-Wahn vor einigen Jahren…

  7. gmischol Says:

    Glücklicherweise gibt es immer wieder solche Querdenker, denn ohne sie tritt am an Ort und Stelle, hier ein weiteres Beispiel: http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Frueher-verspottet-heute-ein-begehrter-Wissenschaftler/story/28612836

  8. Rainhelt Says:

    @ghw:

    Die Pharma braucht kein extra PR, das machen die medien – erinnert euch an den Tamiflu-Wahn vor einigen Jahren…

    Ja, genau. Das meine ich ja. Wie gesagt, nichts gegen zur Hausen ;)

  9. ghw Says:

    Ich hab in Absprache mit dem Autor den Satz mit dem Impfstoff rausgenommen – wir wollen ja keine Werbung für die kapitalistische Pharmaindustrie machen ;)

  10. perlita Says:

    @BRK

    “Bedeutet es doch, dass etwa 70% der Ursachen erfasst sind. Das ist viel Holz.”

    ist es nicht wirklich, da diese art von krebs, verglichen mit anderen krebsarten der weiblichen organe relativ selten vorkommt und überdies durch die seit jahrzehnte übliche papp-test auch gut erkennbar sind.

    wesentlich gravierender ist bei frauen der gebärmutterkrebs, oder ovarialkrebs. dagegen hilft diese impfung jedoch nicht.

    wenn man dann noch weiß, daß z. b. einwanderer in die usa ihre mädchen im alter ab 11 jahre gegen gebärmutterhalskrebs impfen lassen müssen, fängt man schon an das ganze zu hinterfragen.

    http://gesundheit.blogger.de/

    im übrigen ist auch an eine impfung für jungen im alter von 11 bis 17 gedacht, obwohl es dafür keinen medizinischen grund gibt.

  11. Zyniker Says:

    Es ist also wie immer; und (selbstständiges) „Denken lohnt sich… “ nach wie vor! ;-)

    mfg

  12. Rainhelt Says:

    Zum Konsens:

    Geringer Anstieg bei den Treibhausgasen

    Auch die leichte Zunahme der Treibhausgase in der Atmosphäre bis ins 18. Jahrhundert – die im Vergleich zu jener von heute allerdings gering war – lässt sich nicht eindeutig erklären. Die Wissenschafter gehen davon aus, dass die Konzentrationen bereits vor Jahrhunderten zum Teil durch den Mensch beeinflusst wurden, etwa durch Abholzungen und veränderte Landnutzung. – Nicht befasst haben sich die Experten dagegen für einmal mit der Rolle der heute vom Menschen emittierten Treibhausgase und der Zukunft. Die Erdbahnparameter führen zwar dazu, dass die Sonneneinstrahlung an den Polen weiterhin leicht rückläufig ist, während sie am Äquator etwas ansteigt. Die vom Menschen verursachte Verstärkung des Treibhauseffektes wird laut Wanner jedoch die Erwärmung, die seit dem Höhepunkt der Kleinen Eiszeit vor 150 Jahren stattfindet, weiter verstärken. Eines der wichtigsten Resultate der Studie ist allerdings, dass die Modelle und zum Teil das Verständnis der natürlichen Prozesse noch erheblich verbessert werden müssen. Erst dann können auch vergangene regionale Entwicklungen über kürzere Zeiträume von Jahrzehnten und Jahrhunderten adäquat simuliert werden – auch eine wichtige Voraussetzung für das Erstellen verlässlicher Zukunftsszenarien.

    Es erwärmt sich also sowieso…

    http://www.nzz.ch/nachrichten/forschung_und_technik/waehrend_6000_jahren_sinkende_temperaturen_im_norden_1.1058459.html